Die Psychoanalyse erstmalig bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ in Berlin



Die Teilnahme der Psychoanalyse an der „Langen Nacht der Wissenschaften“, eine in Berlin bewährte jährliche Veranstaltung, bei der zahlreiche wissenschaftliche und technische Institute und Universitäten ihre Türen für das interessierte Publikum öffnen, war ein Einfall in der Gruppe aus Vertretern unterschiedlicher psychoanalytischer Gesellschaften und Institute, die sich regelmäßig zum Austausch über aktuelle Ausbildungsthemen trifft. Psychoanalyse inmitten moderner Naturwissenschaften? Und doch, es könnte eine Gelegenheit sein, auch hier Türen zu öffnen und einen Einblick zu geben, wie Psychoanalyse heute betrieben und in welchen theoretischen und klinischen Konzepten gedacht wird, welche unterschiedlichen Settings dazu verwendet, welche historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen aufgegriffen werden und welche Forschungsfelder sich auftun.

Acht psychoanalytische Institute unterschiedlicher theoretischer Orientierung haben sich in Berlin etabliert, darunter auch Kinder- und Jugendlichen- sowie Gruppenanalytiker. Sie wollten diese Herausforderung annehmen – aber würden sich die Institute mit ihrer Geschichte von Ab- und Ausgrenzung, Wahrung von Bewährtem und Öffnung für neue Impulse, in einer Stadt, in der Spaltung Stein geworden ist und immer noch empfindlich nachwirkt, würden sie sich auf einen „common ground“ einigen können, wo Psychoanalyse in unterschiedlichen Facetten einer breiteren Öffentlichkeit interessant und attraktiv vermittelt wird?

„Heilen – Ausbilden – Forschen“ als Leitmotiv spannte den Bogen über eine Vielzahl psychoanalytischer Themen, die während der „Langen Nacht“ am 10. Mai dieses Jahres zusammen mit der International Psychoanalytic University (IPU), die ihre technisch gut ausgestatteten Räume für die Veranstaltung zur Verfügung stellte, präsentiert wurden. Und das Format Freud´s Bar sollte, neben längeren Vorträgen, Workshops, Filmen und Mitmachexperimenten, das Publikum zum Mitreden, zu Fragen und Nachdenken anregen und die Referenten umgekehrt verpflichten, Psychoanalyse bei allem wissenschaftlichen Anspruch prägnant und laiengerecht zu vermitteln. So wurden hierfür eine „Bar“ (kleine lockere Sitzgruppen als Einladung, miteinander zu sprechen), ein Raum mit einer Couch zum Anfassen und ein Spielzimmer eingerichtet, um die Schwelle zwischen Vortragenden und Besuchern zu senken. In einem separaten Raum liefen parallel dazu Filme, z.B. über die Geschichte der Psychoanalyse in Berlin und ein Porträt C.G. Jungs und seiner Lehre.

Inhaltlich war das Spektrum weit gestreut: angefangen von Grundbegriffen (freie Assoziation, das Unbewusste, Differenzierung von Psychotherapie und Psychiatrie etc) über technische Fragen (was geschieht hinter der Couch? wie erreicht man das Unbewusste bei Kindern? was ist in der Säuglingsbeobachtung zu beobachten? etc) und klinische Aspekte (was ist das: Borderline, Bedeutung der Geschwisterbeziehung etc) zu verschiedenen Settings (mit Älteren, in Gruppen, mit Jugendlichen und ihren Eltern, in der Krippenbetreuung etc) und gesellschaftlich brisanten Themen (Auswirkung der Digitalisierung, rechte Kriminalität, Nahostkonflikt und wir, Ausspähung und Persönlichkeitsrechte etc) bis hin zum viel besuchten Bereich „Träume, Märchen, Mythen“ (Interpretationen z.B. Ödipus und die Zauberflöte etc.)

Wir experimentierten ein wenig mit dem Format „Freud’s Bar“: im 30 Minuten-Takt erwies es sich als anregungsreich und rasant durch die schnelle Abfolge der Themen und der unterschiedlichen Vortragsstile. Es blieb jedoch manchmal zu wenig Raum für das freie Gespräch, das von unserem wissbegierigen Publikum gesucht wurde. Das vertraute 50 Minuten-Setting erlaubte hingegen einen langsameren Fluss und einen vertieften Diskurs.

Insgesamt umfasste die Veranstaltung zusammen mit der IPU ca 50 Beiträge, die vor allem Studenten verschiedener Fachrichtungen und Laien jeden Alters, aber auch Fachkollegen erreichte - es wurden ca. 1400 Besucher gezählt. Von allen Beiträgen wurden Mitschnitte erstellt, für die sich nun der Rundfunk im Rahmen einer Serie über psychoanalytische Themen interessiert.

Und am Ende kam es sogar zu einer wirklichen Umarmung mit dem Publikum, denn die „Lange Nacht“ gipfelte in einer nächtlichen Milonga auf dem verdunkelten Flur, in der man unter sanfter Führung erleben und verstehen konnte, was Tango und Regression verbindet.

Paola Acquarone
Barbara Strehlow



Das genaue Programm und weitere Informationen über Organisatoren, Dozentinnen und Unterstützer, die mit ihrer Expertise und als helfende Hände die Lange Nacht möglich machten, können Sie unter www.berlinerpsychoanalytischeinstitute.de finden