Geschichte der IPV

 

Entstehung und Entwicklung der IPV

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Wiederholt erinnerte sich Freud nicht ohne Wehmut an die zehn Jahre der „splendid isolation“, in denen er die Psychoanalyse entwickelte. Er datierte den Beginn dieser Phase zweifellos auf die Zeit um 1894, als seine Zusammenarbeit mit Breuer endete und er seine Forschungen allein, ohne einen Kollegen, mit dem er sich hätte besprechen können, fortsetzte. Doch seit der Veröffentlichung seiner Briefe an Fließ wissen wir, dass die beiden sehr lebhaft miteinander korresponierten und Fließ sozusagen den Resonanzboden für die Überlegungen abgab, die Freud entwickelte; und wir können heute auch sagen, dass die Theorien des Briefpartners Einfluss auf einige seiner Ideen ausübten. Zudem trafen die beiden Männern häufig zu „Kongressen“, wie Freud ihre Begegnungen scherzhaft nannte, zusammen. Dieses Wort sollte sich gewissermaßen als Vorbote der Dinge, die noch kamen, erweisen. Insofern arbeitete Freud also nicht völlig isoliert, auch wenn er in Wien keine Mitstreiter hatte, denn Fließ lebte in Berlin. 1902 lud Freud - wahrscheinlich auf Anregung Stekels, eines ehemaligen Patienten -, vier Männer (Stekel, Adler, Kahane und Reitler) zu regelmäßigen Diskussionsrunden ein, um über seine Arbeit zu sprechen. Weil sie sich jede Woche Mittwochs trafen, nannten sie sich „Psychologische Mittwochsgesellschaft“. 1908 war die Runde auf 14 Mitglieder angewachsen. Aus der Mittwochsgesellschaft wurde die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, der im selben Jahr auch Ferenczi beitrat. Abgesehen von den Mitgliedern nahmen gelegentlich Gäste teil, die später für die Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielen sollten, unter anderem Eitingon, Jung, Abraham und Jones. Sie alle wurden Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.   

 

IPV-Film




Film mit historischen Szenen, Interviews und Kommentaren, hergestellt 2010 für die IPV von Lee Jaffe, produziert von Nadine Levinson und moderiert von Leo Rangell

 


1907 fuhr Jones nach Zürich, um Jung zu besuchen. Jones hatte Freud noch nicht persönlich kennengelernt, sich aber mit seinen Schriften gründlich vertraut gemacht. Seit Ende 1906 behandelte er seine Patienten in London mithilfe der psychoanalytischen Technik. Jones machte Jung den Vorschlag, eine internationale Konferenz zu organisieren, um Kollegen aus den verschiedenen Ländern zusammenzubringen und sich über das gemeinsame Interesse an der Psychoanalyse auszutauschen. So gesehen, könnte man Jones als denjenigen bezeichnen, der als erster die Idee hatte, die schließlich zur Gründung der IPV führte. Freud begrüßte den Vorschlag und wählte Salzburg als Tagungsort aus. Jones wollte das Treffen als „Internationalen Psychoanalytischen Kongress“ ankündigen, doch Jung setzte sich mit seinem Vorschlag „Erster Kongress für Freudsche Psychologie“ durch. Diese sehr informelle Veranstaltung gilt heute als der erste Internationale Psychoanalytische Kongress, wenngleich die Internationale Vereinigung damals natürlich noch nicht existierte.

Auf der Salzburger Tagung wurde am 27. April 1908 auch die Gründung einer Internationalen  Vereinigung besprochen und vereinbart. Neben diesem Beschluss von wahrlich historischer Tragweite war Freuds Vorstellung seiner Behandlung des „Rattenmannes“ das bedeutsamste Ereignis des Salzburger Kongresses. Das Interesse an dem Fall war so groß, dass Freud sich überreden ließ, länger als vier Stunden zu sprechen. Der nächste Kongress fand im März 1910 in Nürnberg statt, und bei diesem Anlass wurde die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. Freud hatte Ferenczi erst kurz vor dem Salzburger Kongress kennengelernt, doch ihre Freundschaft hatte sich sehr rasch vertieft und Freud hatte den Kollegen gebeten, über Möglichkeiten eines engeren Zusammenschlusses der Analytiker nachzudenken. In Nürnberg präsentierte Ferenczi seine Vorschläge; er plädierte für Jung als Präsidenten der neuen Vereinigung und für Zürich als offiziellem Hauptsitz. Freud schloss sich beiden Vorschlägen aus mehreren Gründen an. Erstens hatte er von Jung eine extrem hohe Meinung. Seit mindestens einem Jahr sah er in ihm seinen geistigen Erben, in dessen Händen er die Zukunft der Psychoanalyse gesichert glaubte. Zudem hielt er es für außerordentlich wichtig, dass die Psychoanalyse in der Öffentlichkeit nicht länger mit Wien gleichgesetzt wurde und man sie nicht als etwas spezifisch Jüdisches betrachtete. Und so schien Jung als Schweizer Nichtjude ideal für die Führungsrolle geeignet. Er wurde zum ersten Präsidenten der IPV gewählt, zu deren offiziellem Sitz Zürich als Wohnort des Präsidenten erklärt wurde.

Während der folgenden Jahre leitete Jung die Geschäfte der IPV. Riklin ging ihm als Sekretär zur Hand. Im Juni 1911 trat Adler zusammen mit mehreren anderen Mitgliedern aus der Wiener Vereinigung aus; er gründete seine eigene Organisation, den Verein für Individualpsychologie. Stekel wurde Schriftleiter des Zentralblatts, bis er aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit Freud im Oktober 1912 ebenfalls aus der Vereinigung ausschied.

Mittlerweile hatte im September 1911 in Weimar der dritte Kongress getagt. Nach offiziellen Angaben zählte die IPV zu diesem Zeitpunkt 106 Mitglieder. Der Kongress erkannte die beiden neu gegründeten nordamerikanischen Gesellschaften, die New Yorker und die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung, an. Das Zentralblatt wurde zum offiziellen Organ der IPV, allerdings schon bald ersetzt durch die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, die Freud im Januar 1913 gründete. Herausgegeben wurde sie von Ferenczi, Jones und Rank. Die Zeitschrift erschien regelmäßig bis zum Jahr 1941. 1912 wurde das erste Heft der Imago, einer Zeitschrift für angewandte Psychoanalyse, vorgestellt. Jung wurde in Weimar in seinem Amt als Präsident bestätigt. Man beschloss, den nächsten Kongress 1913 in München stattfinden zu lassen.

In der Zeit zwischen dem Weimarer und dem Münchener Kongress verschlechterte sich die Beziehung zwischen Freud und Jung infolge gravierender Meinungsverschiedenheiten sowohl wissenschaftlicher als auch persönlicher Natur. Anfang 1913 beendeten sie ihre persönliche Beziehung in gegenseitigem Einvernehmen. Jung blieb jedoch IPV-Präsident und leitete im September desselben Jahres den Münchener Kongress. Die Unzufriedenheit war groß. Abraham schlug vor, dass sich diejenigen, die Jung nicht länger als Präsident sehen mochten, bei der Wahl enthalten sollten. Dem Vorschlag folgten 22 von 52 Anwesenden. Nach seiner Wiederwahl begriff Jung jedoch, dass seine Position unhaltbar war, und so schied er im April 1914 aus dem Amt. Die Zürcher Gesellschaft trat im Juli aus der IPV aus. Damit war auch die letzte Verbindung zwischen Jung und der Psychoanalyse durchtrennt.

Freud schlug Abraham als Interimspräsidenten bis zum nächsten, für September 1914 geplanten Kongress vor. Dieser Kongress fand nicht mehr statt, weil im August der Krieg ausbrach. Erst im September 1918 versammelte man sich erneut, diesmal in Budapest. Fast alle Teilnehmer stammten aus Österreich oder Ungarn, drei kamen aus dem Deutschen Reich, zwei aus Holland und einer aus Polen. Von Internationalität konnte demnach kaum die Rede sein. Ferenczi wurde zum Päsidenten gewählt, doch aufgrund der chaotischen Zustände, die in Ungarn wie auch in Österreich nach der Niederlage herrschten, war es unmöglich für ihn, seine Funktion auszuüben. Deshalb bat er Jones, das Amt provisorisch zu übernehmen, und dieser erklärte sich dazu bereit.

Im Ersten Weltkrieg kamen die Aktivitäten der IPV zum Erliegen. Sie war gegründet worden, um Psychoanalytiker aus den verschiedenen Ländern miteinander zu verbinden. Dies sollte in erster Linie durch die Organisation internationaler Kongresse erfolgen, die Gelegenheit zu wissenschaftlichem Austausch gaben, aber auch durch die Veröffentlichung eines Bulletins in dieser oder jener Form, das über die Aktivitäten in den verschiedenen Gesellschaften informierte, und durch die Gründung wissenschaftlicher Fachzeitschriften. Die Internationale Zeitschrift und Imago erfüllten schließlich diese Aufgabe.

Nachdem Adler und Stekel offiziell ausgetreten waren und Jung deutlich zu erkennen gab, dass er denselben Weg einschlagen würde, organisierte Jones 1912 ein geheimes Komitee. In ihm versammelte er Kollegen, die als absolut zuverlässige Anhänger Freuds und der Grundsätze der Psychoanalyse galten. Das Komitee bestand zunächst aus Jones selbst als Vorsitzendem sowie aus Ferenczi, Rank, Sachs und Abraham. 1919 kam Eitingon hinzu. Jeder von ihnen verpflichtete sich, nicht öffentlich an den Grundsätzen der Psychoanalyse zu zweifeln, bevor er seine Ansichten nicht mit den übrigen Mitgliedern diskutiert hatte. Damit war eine weit eher akzeptable Form von Sicherheitsmaßnahmen gefunden, als Ferenczi sie auf dem Nürnberger Kongress empfohlen hatte; sie sollten der „alten Garde“, repräsentiert durch das Komitee, vorbehalten bleiben und allein in deren Händen liegen – das heißt, nicht etwa vom Präsidenten der IPV verantwortet werden. Weil dies im Jahr 1912 Jung bedeutete, dessen Distanzierung von der Psychoanalyse schon absehbar war, tat sich zwischen dem geheimen Komitee und den offiziellen, von Jung geleiteten IPV-Aktivitäten ein Abgrund auf. Jones berichtet, das Komitee habe zehn Jahre lang zufriedenstellend gearbeitet. In dieser Zeit leistete es einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Einheit, aber auch, so darf man mutmaßen, zur Begründung einer sozusagen oligarchischen Tradition (oder wäre Meritokratie passender?) in der IPV selbst.

In den 1920er Jahren gestaltete sich Ranks Beziehung zu den übrigen Komiteemitgliedern zunehmend schwierig, bis er schließlich ausschied. 1925 trat Anna Freud an seine Stelle. Zwei Jahre später wurde das Komitee endgültig aufgelöst.

1920 fand ein weiterer Nachkriegskongress statt, und zwar in Den Haag. Er fiel deutlich internationaler aus als der Budapester Kongress im Jahre 1918 und brachte Kollegen, die der Krieg auseinandergerissen hatte, wieder zusammen. Insgesamt nahmen 62 Mitglieder teil. Die britische und die Schweizer Gesellschaft wurden offiziell anerkannt, und der Kongress wählte Jones zum Präsidenten.

Im Januar 1919 hatte Freud den Internationalen Psychoanalytischen Verlag gegründet, um eigenständig psychoanalytische Schriften veröffentlichen zu können; Anton von Freund aus Budapest hatte eine beträchtliche Geldsumme zugesagt, verstarb jedoch im Januar 1920. Die Schwierigkeiten, die sein Tod mit sich brachte, waren unüberwindbar, denn der Großteil des Geldes traf nie beim Verlag ein. Rank arbeitete extrem hart, und auch Jones war ungemein aktiv, vor allem im Zusammenhang mit Publikationen in England. Er gründete schließlich die International Psychoanalytical Library und das International Journal of Psycho-Analysis, dessen erstes Heft 1920 erschien.

Der siebte Kongress fand 1922 in Berlin statt. Man beschloss, fortan alle zwei Jahre Kongresse zu veranstalten. Präsident Jones wurde wiedergewählt, Abraham stand ihm als Sekretär zur Seite – ein Bruch mit der bisherigen Gepflogenheit, dass Sekretär und Präsident derselben Gesellschaft angehörten.

Ebenso wie der erste tagte auch der achte Kongress, 1924, in Salzburg. Nach offiziellen Angaben nahmen 263 Mitglieder teil, im Unterschied zu 22 beim ersten Kongress. Besonders wichtig aber war der nächstfolgende in Bad Homburg unter Leitung Abrahams. Es fand eine Vorkonferenz zu Ausbildungsfragen statt, und man diskutierte den Antrag, eine internationale Ausbildungsorganisation zur Förderung einheitlicher Standards zu gründen. Aus den Gesellschaften waren Delegierte geladen worden; Ferenczi übernahm den Vorsitz. Eitingon formulierte eine Reihe wichtiger Grundsätze. Die Ausbildung sollte nicht der privaten individuellen Initiative überlassen bleiben; stattdessen sollten die verschiedenen Länder Ausbildungsinstitute einrichten; die Verantwortung für die in diesen Instituten geltenden Ausbildungsrichtlinien sollte in den Händen der IPV liegen. Als verbindliche Bestandteile der Ausbildung sah Eitingons Entwurf die „Lehranalyse“ und die supervidierte Analyse von Patienten vor. Jeder, der die Psychoanalyse praktizieren wollte, musste seine Ausbildung abgeschlossen haben, bevor er Mitglied der IPV werden konnte. Man beschloss, in jeder Zweiggesellschaft einen aus maximal sieben Mitgliedern bestehenden Unterrichtsausschuss zu wählen. Diese Ausschüsse sollten gemeinsam ein internationales Unterrichtsgremium bilden (später als Internationale Unterrichtskommission bezeichnet) und als zentrales Organ der IPV für sämtliche Fragen bezüglich der psychoanalytischen Ausbildung zuständig sein. Eitingon wurde zum ersten Präsidenten der Unterrichtskommission gewählt.

Jones schreibt, dass sich auf diesem  Kongress ernsthafte Schwierigkeiten zwischen den Amerikanern und den Europäern wegen der Frage der Laienanalyse abzeichneten. Freud wie auch Ferenczi vertraten den Standpunkt, dass man Ausbildungsbewerbern ausdrücklich von einer medizinischen Ausbildung abraten solle; die Amerikaner hingegen bestanden darauf, dass zumindest in den USA, wo die Quacksalberei besonders weit verbreitet war, ein abgeschlossenes Studium der Medizin obligatorisch sein müsse. Jones und Eitingon bezogen eine mittlere Position – die medizinische Ausbildung sollte empfohlen, aber nicht vorgeschrieben werden. Schließlich verabschiedete der Kongress eine Resolution und beauftragte die Unterrichtskommission mit der Erarbeitung von Zulassungsrichtlinien; man beschloss, vor deren Verabschiedung keinerlei Maßnahmen zu ergreifen. Das von Eitingon ernannte Komitee bestand ausschließlich aus Berliner Mitgliedern. Die Zweiggesellschaften konnten sich mit seinen Arbeitsergebnissen keineswegs befreunden. So wurde auf dem nächsten Kongress ein neues, wirklich internationales Komitee mit Jones als Vorsitzendem ernannt. Der Bericht dieses Komitees wurde 1932 auf dem Wiesbadener Kongress einstimmig angenommen, mitsamt der Empfehlung, den einzelnen Gesellschaften die Verantwortung für die Zulassung von Kandidaten einschließlich Nicht-Medizinern zu übertragen.

Abraham wurde in Bad Homburg (1925) erneut zum Präsidenten gewählt, starb aber wenige Monate später. Eitingon übernahm seine Aufgaben und gab das Amt des Sekretärs an Anna Freud weiter.

In Innsbruck (1927) wurde Eitingon offiziell zum Präsidenten gewählt. Das geheime Komitee löste sich auf. An seine Stelle traten die Amtsträger der Vereinigung – der Präsident, zwei Vizepräsidenten, der Sekretär sowie der Kassenwart. Dieses Gremium wurde zumeist als Zentralvorstand bezeichnet. 1929 fand der Kongress zum ersten Mal außerhalb Kontinentaleuropas statt, nämlich in Oxford. Eitingon erläuterte, dass die Vereinigung nur sehr langsam wachse, und führte dies auf die Vorschrift zurück, dass die Mitglieder selbst analysiert sein mussten. Er wurde in Oxford und dann noch einmal drei Jahre später in Wiesbaden zum Präsidenten wiedergewählt. Die Verschiebung des Kongresses von 1931 auf 1932 war wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage Deutschlands unumgänglich gewesen. Eitingon berichtete, dass es dort mittlerweile sieben Ausbildungsinstitute gebe und dass die neueren die in Berlin, Wien und London geltenden Ausbildungsmethoden übernommen hätten.

Die vom neuen Unterausschuss für Ausbildung formulierten Empfehlungen bestätigten, dass allein die Unterrichtsausschüsse für die Zulassung und Ausbildung von Kandidaten verantwortlich seien; über die Richtlinien für die Zulassung von Laienkandidaten entschieden die einzelnen Ausschüsse. Dabei sollte die Möglichkeit von Ausnahmeregelungen eingeräumt werden. Niemand durfte sich als ausgebildeter Psychoanalytiker bezeichnen, solange ihn der zuständige Unterrichtsausschuss nicht dazu berechtigte. Laienkandidaten hatten sich zu verpflichten, nicht konsultativ zu arbeiten. Der konsultierende Arzt, der die Überweisung des Patienten vornahm, blieb juristisch verantwortlich. Als Mindestdauer der Ausbildung wurden drei Jahre festgelegt, davon zwei Jahre theoretischer Unterricht sowie eine Lehranalyse durch einen anerkannten Analytiker und zwei „Kontrollanalysen“ (also supervidierte Analysen) von mindestens einjähriger Dauer. Die Kandidaten wurden zudem angehalten, sich auch auf verwandten Feldern weiterzubilden. Laienanalytikern waren Kenntnisse und Erfahrungen in klinischer Psychiatrie und Physiologie vorgeschrieben, Ärzten die Weiterbildung in Medizin, Neurologie und Psychiatrie. Kandidaten aus dem Ausland benötigen die Zustimmung des Unterrichtsausschusses ihres Heimatinstituts. Man sieht, dass die meisten unserer heutigen Vorschriften damals, also vor mehr als fünfzig Jahren, festgelegt wurden.

In Wiesbaden wurde über bemerkenswerte Fortschritte in den USA berichtet. Führende europäische Analytiker waren um Unterstützung der dortigen Ausbildung gebeten worden. Der Kongress genehmigte die Neuorganisation der APA zu einer Föderation der Amerikanischen Gesellschaften, die als leitendes Organ fungieren und die Arbeit ihrer Zweiggesellschaften organisieren und beaufsichtigen sollte; nur auf Empfehlung der APA konnten weitere amerikanische Zweiggesellschaften in die IPA aufgenommen werden. Damit war die APA selbst keine Zweiggesellschaft mehr, ihr Präsident aber sollte einen Sitz im Zentralvorstand der IPV erhalten, das heißt, als dritter Vizepräsident amtieren.

Jones wurde zum IPV-Präsidenten gewählt (er hatte das Amt insgesamt fünfzehn Jahre inne), während Eitingon weiterhin die Internationale Ausbildungskommission leitete. Der 13. Kongress fand 1934 in Luzern statt. Die Mitglieder gedachten Ferenczis, des IPF-Gründers, der gestorben war. Der Kongress statuierte, dass die Umorganisation der APA noch nicht abgeschlossen war, und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Statuten möglichst rasch formuliert und dem Zentralvorstand vorgelegt würden. So geschah es. Die amerikanischen Statuten wurden auf dem Marienbader Kongress 1936 genehmigt und ratifiziert. Es wurde beschlossen, dass die APA bei jeder vom Kongress verabschiedeten Resolution, die speziell Amerika betraf, ein Vetorecht hatte. Auf diese Weise bekam Amerika eine Sonderstellung und beträchtliche Autonomie zugesprochen.

Der letzte Vorkriegskongress wurde 1938 in Paris abgehalten. Jones berichtete von der Auflösung der Wiener Vereinigung nach der Annektierung Österreichs durch die Nazis – nur ein halbes Dutzend Mitglieder waren in Wien geblieben. Er berichtete auch von einem in letzter Minute eingereichten Dossier der APA, das u.a. den Vorschlag enthielt, die IPV als Organisation mit administrativen und leitenden Funktionen aufzulösen und in einen rein wissenschaftlichen Kongress zu überführen. Jones‘ Vorschlag, ein Komitee für Beratungsgespräche mit dem Vorstand der APA einzurichten, wurde angenommen. Dieses europäische Komitee hat offenbar getagt, doch ein Treffen mit den Amerikanern kam aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nie zustande.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Maresfield Garden (London) ein Treffen führender amerikanischer Analytiker mit mehreren Delegierten der British Society statt. Da Jones seit 1932 als IPV-Präsident amtierte (zunächst von Glover, später von Anna Freud unterstützt), wurde er persönlich von den Amerikanern attackiert, bis es ihm schließlich gelang, sie davon zu überzeugen, dass er keine Reinkarnation König Georges III. war. Nach Kriegsende fand 1948 eine weitere offizielle Zusammenkunft im Savoy Hotel statt, über die Jones auf dem nachfolgenden Kongress berichtete. Bei dieser Gelegenheit hatten sich sieben Repräsentanten der APA und sechs Londoner Delegierte der British Society versammelt. Man einigte sich auf diverse Änderungen der IPV-Statuten. Von einer Internationalen Unterrichtskommission war nicht länger die Rede; im Grunde existierte sie schon nicht mehr. In einem „Gentlemen’s Agreement“ legte man fest, dass die Präsidentschaft künftig zwischen Amerika und Europa wechseln sollte; allerdings wurde diese Regelung nicht in die Statuten aufgenommen. Als Jones auf dem ersten Nachkriegskongress 1949 in Zürich nach 15jähriger ununterbrochener Amtszeit nicht wieder kandidierte, wurde ein amerikanischer Präsident gewählt, Leo Bartemeier. Jones wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt. Der Zürcher Kongress war auch der erste nach Freuds Tod im Jahr 1939.

1956 beging man den 100. Geburtstag Freuds mit mannigfaltigen Veranstaltungen, u.a. einer Vorlesungsreihe von Jones. Auf dem Pariser Kongress wurde eine neue Organisationskategorie für die APsaA eingeführt. Als regionale Vereinigung erhielt sie die lokale Autonomie in sämtlichen Ausbildungsangelegenheiten; die lokalen amerikanischen Gesellschaften wurden zu Mitgliedern der APA, und nur diejenigen amerikanischen Analytiker, die der APA angehörten, waren zur Mitgliedschaft in der IPV berechtigt. Auf diese Weise wurden die Schwierigkeiten, die die Beziehung zwischen Europa und Amerika so viele Jahre lang belastet hatten, zufriedenstellend gelöst.

Der Kopenhagener Kongress, 1959, war der erste seit 1910, an dem Ernest Jones nicht teilnahm. Er war im Jahr zuvor gestorben.

1951 wurde das Sigmund-Freud-Archiv vom Staat New York übernommen. Kurt Eissler leitete es als Sekretär. Aufgabe des Archivs war die Sammlung sämtlichen Materials, das mit der Biographie Freuds und seinen wissenschaftlichen Interessen zusammenhing. Viele Jahre lang erstatteten Eissler oder seine Beauftragten auf den Kongressen Bericht über die Entwicklung des Archivs; nicht selten konnten sie überaus wichtige Schenkungen von Briefen und anderen Dokumenten vermelden.

Auf dem Kopenhagener Kongress 1967 wurde der erfolgreiche Abschluss der  Standard Edition von Freuds psychologischen Schriften verkündet.

1971 fand der Kongress in Wien statt: Zum ersten Mal überhaupt in der Geburtsstadt der Psychoanalyse. Erstmals seit 1938 kehrte Anna Freud nach Wien zurück. Aus diesem Anlass überreichte ihr der Präsident, Leo Rangell, eine Medaille.

Auf dem Pariser Kongress 1973 kam es zu einer außerordentlich langwierigen Diskussion über den Ritvo-Report über die kinderanalytische Ausbildung und über den IPV-Status von Kinderanalytikerin, die keine Ausbildung in Erwachsenenanalyse absolviert hatten. Der Bericht wurde am Ende vom Kongress abgelehnt. Das bedeutete, dass sich am Status quo nichts änderte – nur diejenigen, die eine Ausbildung in Erwachsenenanalyse absolviert hatten, konnten IPV-Mitglieder werden. Anna Freud wurde zur Ehrenpräsidentin ernannt und trat an die Stelle von Heinz Hartmann, der 1970 gestorben war. Sie blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 Ehrenpräsidentin.

1979 veranstaltete die IPV ihren ersten transatlantischen Kongress. Sie verfügte mittlerweile über rund 5.000 Mitglieder, und die Zahlen waren steigend. Darüber hinaus wurde berichtet, dass in Jerusalem das Sigmund Freund Centre for Psychoanalytic Studies and Research, zu dem ein Lehrstuhl an der Hebrew University gehörte, gegründet worden war. Auch über die Wiener Sigmund-Freud-Gesellschaft, die ihren Sitz in der Berggasse 19 hatte, wurde berichtet. Sie war seit ihrer Gründung im Jahr 1968 aktiv, hatte eine Bibliothek und ein Archiv aufgebaut, veröffentlichte ein Bulletin und hatte ein Museum eingerichtet. Die offizielle Eröffnung fand anlässlich des Wiener Kongresses 1971 statt.

Seit den 1980er Jahren zählt Lateinamerika als dritte administrative Region zur IPV. Der erste Kongress auf lateinamerikanischem Boden fand 1991 in Buenos Aires statt. Auch das Amt des Präsidenten wird seither im Wechsel mit Europa und Nordamerika an Südamerika vergeben. Der erste lateinamerikanische Präsident war Horacio Etchegoyen. Er amtierte von 1993 bis 1997.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Veranstaltung von Kongressen zu den wichtigsten Aktivitäten der IPV zählt und dass etliche Präsidenten für ihre Entwicklung eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Aber auch Sekretäre und Kassenwarte, heute als Schatzmeister bezeichnet, haben ungemein wichtige Beiträge geleitet, ebenso wie das zentrale Büro in den vergangenen drei Jahrzehnten. Die Vereinigung konnte nicht nur die Anzahl ihrer Mitglieder stetig erhöhen, so dass sie Ende 2009 mehr als 12.000 Mitglieder verzeichnete; sie hat auch ihre Aktivitäten zwischen den Kongressen deutlich verstärkt, und zwar insbesondere in Form der Unterstützung neuer Gruppen, die in vielen Teilen der Welt entstanden sind. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Zusammenarbeit zwischen der IPV und der Europäischen Psychoanalytischen Föderation intensiviert, um die Entwicklung neuer Gesellschaften und Studiengruppen in den postkommunistischen Ländern zu fördern. Diese Aktivitäten mündeten in die Gründung des Psychoanalytischen Instituts für Osteuropa ein. 1997 wurde das IPV-Komitee bei den Vereinten Nationen gegründet, und 1998 erhielt die Vereinigung den Konsultationsstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der UN.

Geboren 1910, hat die IPV sich nunmehr zu voller Reife entwickelt. Heute ist sie internationaler als je zuvor. 2010 fand die erste psychoanalytische Konferenz in China statt. Sie war der Untersuchung der psychoanalytischen Entwicklung und der Veränderungen im asiatischen Raum gewidmet. Ebenfalls im Jahr 2010 feierte man das 100jährige Bestehen der IPV. Weltweit fanden dazu Veranstaltungen statt, die sich der Geschichte der Vereinigung, aber auch dem Ausblick auf die kommenden 100 Jahre widmeten. Ein Buch über die Geschichte der IPV wurde veröffentlicht, das von der psychoanalytischen Community und allen anderen Interessenten bezogen werden kann. Wegen weiterer Einzelheiten wenden Sie sich bitte an unsere Publikationsmanagerin Rhoda Bawdear: rhoda@ipa.org.uk


Nach einem Beitrag von William H. Gillespie, 1982
Hauptquellen:

Ernest Jones, Sigmund Freud. Leben und Werk
Free Associations, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse,
International Journal of Psycho-Analysis