Jürgen Habermas (1929-2026)

The International Psychoanalytical Association (IPA) honors the memory of the German philosopher and sociologist Jürgen Habermas, who passed away on March 14, 2026, at the age of 96 in Starnberg near Munich.
Professor Jürgen Habermas, following the end of the Second World War and beginning with his work as an assistant at the Frankfurt Institute for Social Research in the mid-1950s under Theodor W. Adorno, developed a comprehensive philosophical body of work in which he also accorded psychoanalysis a high degree of importance. Through his wide-ranging thinking, he became one of the most influential intellectuals worldwide, who, like Freud, repeatedly spoke out as an advocate of a reason achieved through communication.
Habermas first encountered psychoanalysis in 1956 at a congress marking the centenary of Sigmund Freud’s birth in Frankfurt, and in the years that followed he came to view psychoanalysis as a model for a critical science. He held the emancipatory potential of Freud’s theory and method in high regard, although he himself never underwent psychoanalysis. He described the critical potential of psychoanalysis in detail in his book Knowledge and Human Interests (1968) [1],in which he extended the process of individual self-reflection inherent in therapeutic practice to society as a whole, recommending it as a model for a scientifically grounded critique of ideology [2].
Habermas was friends with the German psychoanalysts Alexander and Margarete Mitscherlich, and hisTheory of Communicative Action (1981) [3], with its aim of achieving communication free of domination among actors and a rational, democratic social structure, shared many points of contact with Alfred Lorenzer’s (1970) [4] understanding of psychoanalysis as the reconstruction of language destroyed by neurosis.
Habermas understood psychoanalysis as a form of depth hermeneutics and rejected a natural-scientific interpretation of psychoanalysis as a scientistic misunderstanding. In light of current developments in neuropsychoanalysis, this position can be debated. Nonetheless, even as Habermas became increasingly skeptical in the later years of his life, given growing social polarization and ongoing wars, about the extent to which communicative understanding and action are truly possible on an international level, his commitment to a communicatively mediated, rational freedom (2022) [5] remains an attitude that resonates with Freud’s trust in the soft voice of the intellect, a voice that does not rest until it has made itself heard.
With Jürgen Habermas, we lose a friend of psychoanalysis, and we will honor his memory within the IPA.
Dr. Heribert Blass, IPA President
[1] Habermas, J. (1968). Erkenntnis und Interesse. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[2] Cp. Felsch, P. (2024). Der Philosoph. Habermas und wir. Berlin: Propyläen, p. 60,61
[3] Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1+2. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[4] Lorenzer, A. (1970). Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[5] Habermas, J. (2022). Auch eine Geschichte der Philosophie, Band 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Auf Deutsch
Die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) gedenkt des deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren in Starnberg bei München verstorben ist.
Professor Jürgen Habermas hat nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und ausgehend von seiner Tätigkeit als Assistent beim Frankfurter Institut für Sozialforschung Mitte der 1950er Jahre bei Theodor W. Adorno ein umfassendes philosophisches Werk geschaffen, in dem er auch der Psychoanalyse einen hohen Stellenwert einräumte. Mit seinem breit gefächerten Denken wurde er weltweit zu einem der einflussreichsten Intellektuellen, der sich – ähnlich wie Freud – immer wieder als Verfechter einer kommunikativ gewonnenen Vernunft zu Wort meldete.
Der Psychoanalyse war er erstmals 1956 während eines Kongresses zu Sigmund Freuds hundertstem Geburtstag in Frankfurt begegnet, und im Verlauf der nachfolgenden Jahre sah er in der Psychoanalyse das Modell für eine
kritische Wissenschaft. Er schätzte das
emanzipatorische Potential von Freuds Theorie und Methode hoch ein, ohne allerdings selbst je eine Psychoanalyse gemacht zu haben. Das kritische Potential der Psychoanalyse beschrieb er eingehend in seinem Buch
Erkenntnis und Interesse (1968)
[1], wobei er den zur therapeutischen Praxis gehörenden Prozess der individuellen Selbstreflexion auf die Gesellschaft als Ganze übertrug und als Modell für eine wissenschaftlich fundierte Ideologiekritik empfahl
[2].
Habermas war mit den deutschen Psychoanalytikern Alexander und Margarete Mitscherlich befreundet, und seine
Theorie des kommunikativen Handelns (1981)
[3] hatte mit ihrem Ziel einer herrschaftsfreien Kommunikation unter den Akteuren und einer rationalen, demokratischen Gesellschaftsstruktur viele Berührungspunkte zu Alfred Lorenzers (1970)
[4] Verständnis der Psychoanalyse als einer Rekonstruktion neurotisch zerstörter Sprache.
Habermas verstand Psychoanalyse als Tiefenhermeneutik und lehnte ein naturwissenschaftliches
Verständnis der Psychoanalyse als
szientistisches Missverständnis ab. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Neuropsychoanalyse kann diese Position kontrovers diskutiert werden. Nichtsdestoweniger, und auch wenn Habermas gegen Ende seines Lebens angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierungen und der herrschenden Kriege zunehmend skeptischer in der Frage wurde, in welchem Ausmaß kommunikative Verständigung und Handeln international wirklich möglich sein können, bleibt sein Eintreten für eine kommunikativ vermittelte,
vernünftige Freiheit (2022)
[5] doch eine Haltung, die mit Freuds Vertrauen in die leise Stimme des Intellekts korrespondiert – einer Stimme, die nicht ruht, ehe sie sich Gehör verschafft hat.
Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen Freund der Psychoanalyse, und wir werden ihm auch innerhalb der IPV ein ehrendes Andenken bewahren.
Dr Heribert Blass, IPV-Präsident
[1] Habermas, J. (1968). Erkenntnis und Interesse. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[2] Vgl. Felsch, P. (2024). Der Philosoph. Habermas und wir. Berlin: Propyläen, S. 60,61
[3] Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1+2. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[4] Lorenzer, A. (1970). Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp
[5] Habermas, J. (2022). Auch eine Geschichte der Philosophie, Band 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp